Dennis Del Favero: Datenpoesie

Wissenschaft und Kunst sind seit jeher zwei eng miteinander verwobene Disziplinen. Durch die Kunstgeschichte hindurch näherten sie sich einander an, distanzierten und verschlangen sich. Doch je nach herangezogenem Kunstbegriff und Stilepoche unterscheiden sich die Werke, die zwischen den Polen dieser Beziehung entstehen enorm.

Dennis Del Faveros Videos sind nicht nur vor dem Hintergrund wissenschaftlich verfahrender künstlerischer Praktiken ungewöhnlich, sondern auch vor dem digitaler Ästhetik – seine Bilder wirken gewissermaßen roh. Denn das, was entsteht, wenn Ästhetik, wissenschaftlicher Diskurs und Kunstdiskurs treten innerhalb ihrer bekannten Narrative in Austausch treten ist meist intellektuell oder ästhetisch reizvoll, vor allem wenn es um experimentelle Formen geht – wie Olafur Eliassons Spektakel einer gelben Sonne, die eine riesige Turbinenhalle in sanftes Licht taucht.

Graue Punkte, die sich auf einer schwarzen Leinwand in der Galerie Brigitte Schenk zu verschiedenen Gebilden zusammensetzen – was sich hier zeigt, verschließt sich zugleich dem Zugang. Denn Nebula II erinnert am ehesten an jene Bilder, die medizinische Geräte vom menschlichen Körper erzeugen oder vielleicht auch an ein auf halben Wege steckengebliebenes Motion- Capture-Verfahren – mit elaborierter digitaler Ästhetik hat das was auf der Leinwand zu sehen ist, jedoch nicht viel zu tun. Auch wenn man beispielsweise an die Arbeiten Katja Novitskovas denkt, die sich ihren Themen aus einer Post-Internet-Perspektive nähert, wird die Eigenart von Del Faveros Kunst deutlich.

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Dennis Del Favero mit Peter Weibel, Elwira Titan: Nebula (2016) © iCinema & ZKM

Mal setzen sich seine Punkte so zusammen, dass sie an die Phantome von Landschaften, an Berge und Täler erinnern, mal eher an Organismen oder Schwärme. Tatsächlich vollzieht der Blick die Wandlungen mit, fliegt mit einer imaginären Linse um die Gebilde herum, entfernt sich, so dass die einzelnen Punkte verschwimmen, und nähert sich ihnen bis in ihr Inneres. Begleitet wird der stetige Wandel der Punkte von einer Flüsterstimme, die fragmentarisch von ihrer Beziehung zu einer wie auch immer gearteten Welt erzählt. Diese Stimme ist es, die dem Video und seinen Punktwandlungen eine poetische Wendung verleiht.

Del Faveros Video basiert auf Daten, die durch Messungen von Elektromagnetismus oder Schallwellen von Naturphänomenen, sowohl des menschlichen Körpers als auch der Atmosphäre, gewonnen wurden. Die künstliche Intelligenz eines Computerprogramms rechnete diese Daten in Bilder um und wurde dabei vom menschlichen Eingriff unterstützt. Dieser zeigt sich in der Komposition der Daten und Bilder sowie in der flüsternden Erzählerstimme.

Ganz ähnlich also wie Land-Art-Künstler, die die Beziehung von Naturphänomenen und Kunst erkundeten, arbeitet Del Favero in seinem Video mit objektiven Gegebenheiten. Allerdings befasst er sich nicht mit Naturphänomenen im engeren Sinn, sondern eher im abstrakten Sinn mit nüchternen Daten. Ähnlich verfährt er im zweiten Video, das bei Brigitte Schenk zu sehen ist: Leibniz. Hier zeigt der Bildschirm Satellitenaufnahmen des Wetters, während der Betrachter über Kopfhörer die akustische Aufnahme eines Gewitters hören kann. Auch für diese Arbeit führte der Künstler Daten und poetische Elemente zusammen. Die naturwissenschaftlichen Aufnahmen der Atmosphäre zeigen sich auf dem Bildschirm, es lassen sich sogar die einzelnen Aufnahmen unterscheiden, aus denen sich sukzessive die Bilder der anschwellenden und sich verflüchtigenden Gewitterwolken zusammensetzen. Durch die Kopfhörer werden parallel dazu ganz individuelle Erinnerungen an Gewitter geweckt, die das Rauschen eines heftigen Schauers oder das aufwallende Grollen des fernen Donners auslösen können.

Es handelt sich bei beiden Arbeiten also weder um die Visualisierung von wissenschaftlichen Daten noch um rein künstlerische Bilder. Seine Videos verweisen in diesem Sinn nicht auf bestehende Narrative. Deswegen wirken sie roh oder vielleicht sogar redundant. Genau darin liegt aber der experimentelle Charakter der Videos, der zugleich ihre Anziehungskraft ausmacht. Denn Daten, künstliche Intelligenz und Mensch wirken hier vollkommen zweckfrei zusammen und erschaffen etwas Neues – ganz ähnlich wie Natur und Mensch bei Büchner, auf den Del Favero sich bezieht. So erkundet Del Favero unsere auf Datenmengen und ihrer Erhebung fußende Umwelt und ihre Semantiken auf poetische Art und Weise.

 

 

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