Carl Ostendarp: Ding Ding Ding Ding Ding

Auf den ersten Blick wirken die Gemälde in der Galerie Anke Schmidt wie das Produkt einer Obsession oder vielleicht wie der Versuch, eine Tinnitus-Erkrankung zu verarbeiten. Denn in den weißen Ausstellungsräumen hängen graue Gemälde verschiedenen Formats, die alle ausschließlich das Wort Ding zeigen.

Die Dings sind jeweils mit haarscharfen Konturen vollkommen deckend auf die Leinwände gemalt. Der Hintergrund ist verwaschen und grau und erinnert an Drip-Paintings à la Pollock. Mehr als die oberflächlichen Zeichen auf wässrigem Grau, die in ihrer grafischen Reduktion Assoziationen an einfache tags wecken, ist hier nicht zu sehen und so ist der Besucher recht schnell fertig mit dem Gang durch die Ausstellungsräume. Sobald man jedoch zurücktritt, um sich langsam in Richtung Eingangstür zurückzuziehen und vielleicht noch einen letzten fragenden Blick zurückwirft, entfalten die Gemälde von Carl Ostendarp einen lautmalerischen Charakter. Die Dings treten aus dem verschwommenen Bildhintergrund hervor und hallen im Geist des Besuchers nach. Aus allen Richtungen scheint es einen anzuklingeln.

Die meisten Arbeiten des amerikanischen Künstlers, der in den 70ern in Massachusetts geboren wurde, sind, wie auch seine neuen Gemälde, nicht besonders barock was die Kompositionsdichte angeht. Allerdings verbinden sich bei ihm oft bunte Farben zu einem quietschig-pastelligen Farbraum. Wären seine Formate nicht so klein, könnte man die Arbeiten Ostendarps für humorvolle Adaptionen von Pop Art oder Color Field-Painting halten.

Carl Ostendarp, Untitled, 2017, Galerie Anke Schmidt

Doch Ostendarps Leinwände bieten ausschließlich Platz für die Worte, was dazu führt, dass Bild und Laut zu Gegenständen verschmelzen, die sich dem Betrachter gleichzeitig öffnen und verschließen. Obwohl das Gezeigte so konkret ist wie die Bildwelten von Comics, bleibt es bei dem gemalten Tönen, das von den Leinwänden getragen wird. Der Künstler entlässt die kleinen poppigen Malereien mit ihren Arrrrghs, Oofs, Byes und Blams oder eben Dings in den Raum und beschallt den Betrachter.

So lässt sich die Ausstellung als Installation im Raum verstehen, die etwas sehr Expressionistisches hat. Es geht hier weniger um ein ästhetisches Prinzip, als vielmehr um die Geste. Denn die Malerei löst sich nicht nur durch malerische Techniken von der Leinwand. Sie interagiert mit dem Raum und erfüllt sich erst im Betrachter, der das Ding hört, denkt, es vielleicht sogar selbst hervorbringt. Die Frage, ob es sich bei dem Geräusch um einen Wecker oder um eine Alarmglocke handelt, fügt der Kunst des Amerikaners eine gesellschaftspolitische Dimension hinzu und bewirkt unter Umständen, dass sich der Ton im Kopf des Besuchers ändert.

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