Fort: Haarscharf unter der Wirklichkeit hindurch

Die Raketenstation Hombroich fordert den Besucher auf, umherschweifend der Kunst und dem Gelände zu begegnen. Bewusst wird hier auf Erklärungsschilder, Wachpersonal, und Wegweiser verzichtet. Statt den nahtlosen Konsum von Kunst zu ermöglichen, der dem Stiftungsgedanken entgegenlaufen würde, kann der Besucher selbstständig entdecken und neue Perspektiven erproben. Wie aber kann sich Kunst manifestieren an einem Ort, der nicht nur Behälter ist, sondern selbst schon Kunst, wie die Langen Foundation?

Welche Erfahrungsräume kann sie eröffnen, wenn sie sich mit dem Ort verbindet und in eine wechselseitige Beziehung eintritt. Die Ausstellung von Fort in der Langen Foundation regt auf beeindruckend umfassende Weise zur Auseinandersetzung mit diesen Fragen an.

Das Gebäude von Tadao Ando ist selbst eine Skulptur, die ihre Selbstbezüglichkeit behauptet und zugleich mit ihrem Ort koexistiert. Durch die größtmögliche Öffnung seines Glasflügels zum Außenraum wird die Beziehung zwischen Innen- und Außenraum thematisiert, wo an anderen Stellen fast unmögliche, aber durch Verglasung geschaffene Sichtachsen das Innen gleichsam aufheben. Gleichzeitig verschwindet das Gebäude nicht in der Natur, ist keine Metapher, sondern erhält sich eine elegante und leichte, deswegen aber umso eindringlichere künstlerische Form. Es geht hier eben nicht nur um die Aufwertung der eigenen Erfahrung. Die Kunst von Fort gibt der Pendelbewegung zwischen Selbstbezüglichkeit und Inszenierung, die vom Gelände ausgeht und von der Langen Foundation aufgenommen wird, eine neue Richtung.

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Foto: René Arnold 
Courtesy: FORT und Sies und Höke, Düsseldorf 

Im ersten Raum hinter dem Eingang zur Ausstellung verteilen sich Hundehütten verschiedensten Designs. Es gibt eine Hütte im Iglu Stil, eine andere sieht aus wie eine Gartenlaube und eine dritte wie ein modernistisches Designergebäude. Auf der einen Seite Alltagsgegenstände wird die Künstlichkeit der Hütten durch das Wissen akzentuiert, dass sie Skulpturen sind. Vor allem aber durch den weißen Raum und ihre Ausstellung, die sie jedem Zweck entfremdet, entzündet sich für einen kurzen Moment eine Wahrnehmungsverschiebung im Besucher. Der umgebende Raum erhält eine seltsame Färbung – man könnte jetzt ein Riese sein, der auf Miniaturlebenswelten hinab schaut. Dieses Gefühl der emotionalen Entfremdung konkretisiert sich, sobald man die ausladende Rampe in das untere Geschoss der Museumshalle hinter sich lässt.

Hier steht man vor einer Reihe ausgehängter Wohnungstüren gleicher Farbe und Machart. Nur die Türvorleger unterscheiden sich im Modell. Ähnlich wie die Hundehütten als Skulpturen, evozieren die ihres Erfahrungskontextes und ihrer Funktion entrissenen Türen ein seltsames Gefühl. Der Raum um die Türen herum scheint sich zu einer inhaltlichen Masse zu verdichten. Es fühlt sich geradezu an, als betrachte man die Türen aus einer anderen Dimension – aus einer ausschließlich durch visuelle und ästhetische Reize geprägten Sphäre – und verfolge die Spuren, die an unsere alltägliche Lebenswirklichkeit erinnern. Diese ästhetische Masse, zu der der Raum in diesem Wechselspiel aus Kunst und Betrachter wird, dehnt sich förmlich, sobald man auf die zwei leeren Tierkäfige an der Stirnseite der Halle zu läuft. Denn sie spielen mit dem Begehren nach dem Entdecken, das ins Leere läuft, sobald der Betrachter nah genug an die Käfige herangetreten ist, um ihre modellhafte Künstlichkeit zu erkennen.

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Foto: René Arnold 
Courtesy: FORT und Sies und Höke, Düsseldorf  

Ein weiterer Teil der Ausstellung besteht aus inszenierten Torsi von Schaufensterpuppen, die in einer liebevoll ausgeleuchteten Vitrine bunte Pullover ausstellen. Paradoxerweise strahlt die Vitrine eine Aura des Geheimnisvollen, fast Wertvollen aus. Gerade der Unterschied dieser im Kunstkontext aufgeladenen Aura zu der einer Werbekampagne ist das Reizvolle der Installation und realisiert sich auch hier im Austausch zwischen der Wahrnehmung des Betrachters, seiner Vorerfahrung und dem als Kunst markierten Objekt.

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Foto: René Arnold 
Courtesy: FORT und Sies und Höke, Düsseldorf 

Auf diese Weise öffnen die ausgestellten Arbeiten Räume zwischen ihrer Wahrnehmung als Alltagsgegenstand, Kulisse, Skulptur und persönlicher Erfahrung. Sie sind gerade deswegen interessant, weil sie auf nichts verweisen, sondern ihr Verschmelzen mit dem Raum den Besucher dazu anhält, bei der Erfahrung stehen zu bleiben. Das Theatralische dient ihnen als Mittel, um die Erfahrung, das Rätselhafte, das ihre Arbeiten ausmacht, zu entfalten. So ist es das intentionale Potenzial der Ausstellung, das die Grenze zwischen Inszenierung und Selbstbezüglichkeit akzentuiert und zum Erfahrungsraum macht. Es ist das Ergebnis eines souveränen künstlerischen Umgangs mit Raum und Kunst, der diesem Ort ebenbürtig ist und ihn um eine weitere Erfahrungsschicht erweitert.

 

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