Christian Lethert im belgischen Viertel

Mitten im belgischen Viertel liegen die Galerieräume von Christian Lethert. Die hier ausgestellten Arbeiten zeigen Einblicke in das Werk von bekannten Ikonen der Kunstgeschichte und sie beerbenden Positionen. Dabei orientieren sich die ausgestellten Werke an minimalistischer Ästhetik.

Genau dadurch passen sie auch in diesen gehobenen Stadtteil und seine stadtteilpolitisch wirkungsvollen Integration von Kunst und Kultur. Angesichts dieser Verstrickung kann man sich fragen, ob man von einer Galerie verlangen muss, dass sie ihre Ausstellungen informativ unterfüttert? Oder ist es in Ordnung sich, überspitzt formuliert, wie ein – durchaus sehr schönes – Kaufhaus für Kunst zu geben?

Die aktuelle Ausstellung mit wichtigen Werken des Galerieprogramms ist ästhetisch tatsächlich so reizvoll und kultiviert wie die Gründerzeithäuser in dieser Ecke Kölns. Sie zeigt KünstlerInnen verschiedener Epochen und Nationalitäten, die minimalistische Ansätze zwischen Wandbild und Skulptur entwickeln. Unter ihnen auch so bekannte Namen wie Imi Knoebel oder Richard Tuttle.

Die fein kuratierte Zusammenstellung der Werke, deren Verbindungen und Polarisierungen sich wie ein Geflecht auf unterschiedlichen Ebenen zeigen, ist ein besonderes Kennzeichen der Ausstellung und macht den Galeriebesuch zu einer tatsächlich interessanten Erfahrung, sofern man über dieses Geflecht nachdenken möchte. Ihr gemeinsames thematisches und auch formales Zentrum ist die Minimal Art und konzeptuelle Ansätze. So spielen die Arbeiten auf unterschiedliche Weisen mit dem Raum und ihrer eigenen Objekthaftigkeit und beziehen den Besucher mal mehr mal weniger ein.

Im ersten Raum beherrschen die schwarzen Skulpturen von Gereon Krebber die Perspektive des Besuchers. Sie sind aus ausgebranntem Holz aufgebaut, wirken wie Architekturen, die einem Feuer zum Opfer gefallen sind. Spröde treten sie als Rest eines Spektakels auf, als erkaltete Ruinen. Als architektonische Gebilde geben sie vor,  einer Funktion gedient zu haben, tatsächlich sind sie aber nur Skelette, leere Hüllen hinter denen nichts weiter steckt. Vielmehr fasziniert sogar ihre schwarze, blasige Oberfläche. In diesem Sinn sind Krebbers Skulpturen opak. Obwohl sehr raumverdrängend, erzählen sie nicht von Größe oder Anmut, sondern platzieren sich fragil im Raum. Symbiotisch verschmelzen bei ihm minimalistische Funktionsweise und das Aufbrechen ihrer Paradigmen.

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Gereon Krebber, Im Schacht, 2015, © Galerie Christian Lethert

Daniel Lergons ganz in der Nähe hängendes Gemälde passt durch die reduzierte Form- und Farbpalette zu Krebbers Skulpturen. Denn es zeigt eine grünlich-changierende Farbform, die gestisch reduziert ist und in einem abstrakten Bildraum schwebt. Dennoch entwickelt der breite Pinselstrich sich fast barock auf der Leinwand, stellt den undefinierten schwarzen Hintergrund durch ihre Windungen her, breitet sich aus und spielt so wiederum mit dem Bildraum, vielleicht sogar mit dem Illusionismus.

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Daniel Lergon, Ohne Titel, 2017, © Galerie Christian Lethert

 

Durch ihre Interpretationen von Paradigmata der Nachkriegskunst leiten diese Werke zu den kleinen Arbeiten von Imi Knoebel über. So bilden seine Wandbilder, so klein die aktuell hängenden auch sind, bilden einen weiteren Referenzpunkt dieses Raums. Die pastellfarbigen Elemente sind vollkommen selbstbezogen, sind geteilt, stellen sich aber auch erst durch diese Teilung her, sind an der Wand hängende Skulpturen, arbeiten aber dennoch mit und in der Fläche.

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Imi Knoebel, Element, 2017, © Galerie Christian Lethert

 

Jill Baroffs kleine vor die Wand gehängte Holzarbeiten, die sich aus bunten Versatzstücken zusammenfügen, bilden eine interessante Klammer zwischen diesem Raum, der minimalistische Ansätze vor allem in ihrer internationalen Ausprägung mit verschiedenen Materialien und Formen thematisiert und dem zweiten Raum, der sich hauptsächlich auf das Thema Farbe konzentriert.

Im zweiten Raum zeigen die Wandarbeiten von Feehily eine Vergleichbarkeit mit Knoebel, sind jedoch um die eine persönliche Systematik erweitert, mit der die gefundenen Materialien aus denen sie geschaffen sind, geschichtet oder bemalt wurden. Auch Feehilys Arbeiten scheinen das minimalistische, ungegenständliche Erbe, ganz ähnlich wie beispielsweise Krebber, mit einem selbstreflexiven Habitus aufzubrechen. Damit ergibt auch die Nähe zu Hubert Kiecol und dem Verweis auf seinen persönlichen künstlerischen Formenkosmos einen Sinn. Eine seiner Leiterskulpturen steht mitten im Raum.

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Hubert Kiecol, Auf alle Fälle, 2010, © Galerie Christian Lethert

Im Untergeschoss spielt Kai Richter auf ähnlich charakteristisch, humorvolle Weise mit dem Raum wie Krebber, wenn er ein augenscheinlich einfaches Bauholz mit einem Wagenheber kombiniert und wie einen Pfeiler unter der Decke platziert. Durch das industriell wirkende Material eigentlich ganz im Sinn der Minimal Art, und doch mit einem Augenzwinkern, denn seine Holzlatten haben schon fast etwas karikaturhaft rohes.

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Kai Richter, French Warning, 2017, © Galerie Christian Lethert

Richard Tuttles Farbbogen hinter Richters Pfahl kontrastiert stark mit ihm und zeigt eine im Vergleich zu den teilweise fast malerischen Interpretationen im Obergeschoss ganz andere minimalistische Materialisierung von Farbe.

Rana Begums Wandobjekt aus lackiertem Stahl schließt dann das Spektrum der Arbeiten mit einem frischen Blick auf Farbe, Raum und Prozessualität ab.

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Rana Begum, No. 679, 2016, © Galerie Christian Lethert

Für den, der inhaltliche Verbindungen sucht, ist die gezeigte Zusammenstellung sicher sehr reichhaltig. Für den, der beim Spaziergang durch das Viertel in die Galerie geschwemmt wird, könnte die Ausstellung jedoch auch sehr an eine Produktpalette in einer schicken Boutique erinnern, zu sehr wird doch der elaborierte Geschmack heute von minimalistischer Ästhetik geleitet. Man sollte sich vielleicht doch von einer/einem MitarbeiterIn führen lassen, um den weiteren historischen Dunstkreis von in den USA entwickelten Kunstströmungen und ihrer Aufnahme durch europäische bzw. deutsche KünstlerInnen mit in den Blick nehmen zu können. Wo überschneiden sich konzeptionelle und minimalistische Ansätze? Was sind die historischen Eckpunkte und Akteure? Warum wirken die Arbeiten teilweise so ungemein glatt und perfekt? Andere dagegen wie im Keller zusammengeschustert? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen zu verweigern, kann aber auch seine Berechtigung haben. Denn letztlich hält man die Kunst ja auch am Leben, indem man sie Menschen zeigt, vielleicht auch besonders den hippen und gut betuchten Menschen, die im belgischen Viertel unterwegs sind, die sie sich in ihrer Wohnung oder ihrer gut sortierten Sammlung vorstellen können.

 

 

 

 

 

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