Ein Blick auf James Rosenquist

Pop und Pop Art –  das sind zwei Phänomene, die ab der Mitte des letzten Jahrhunderts kurz aufeinander Alltag und Kunst überrollten und bis heute nicht wegzudenken sind aus unserer Erfahrungswelt. Mit den Pionierwerken dieser Zeit, den Flaggen von Jasper Johns etwa, Warhols Brilloboxen oder Wesselmanns Installationen, sind Generationen von KölnerInnen und ProvinzlerInnen aufgewachsen.

Denn diese Werke gehören so fest zum Repertoire des Museums Ludwig, dass diejenige, der schon in der Grundschule vor dem verstaubten Pelz einer Nackten von Wesselmann einfach nicht einleuchten wollte, warum genau das so toll ist, was sie da sieht, sie vielleicht irgendwann einfach ausgeblendet hat. Jetzt aber zieht die große Rosenquist-Ausstellung alle Welt wieder einmal in dieses bekannteste der Kölner Museen. Ach ja, dieser riesige Pinsel? Oder was war das noch? Ein ausgefranstes Kabel?! – das ist doch auch so ein unsichtbares Denkmal von früher, als man noch mit baumelnder Brusttasche durchs Museum rannte. Und der ist immer noch so eine große Nummer? Da ist sie dann wieder, die Frage nach dem Warum?!

JR_Horse_Blinders_I
James Rosenquist
Installationsansicht Horse Blinders, Museum Ludwig, Köln (Detail)
1968-1969
Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln

Die Kuratoren der Ausstellung haben sie unter dem Leitthema der Immersion aufgebaut und ihr den Titel Eintauchen ins Bild gegeben. Sie sind der Meinung, dass der Betrachter von den Bildern und Installationen Rosenquists auf allen erdenklichen Ebenen eingesogen wird. Rosenquist habe damit beabsichtigt, dass die BetrachterInnen sich mit dem Dargestellten auseinandersetzen.

Wie soll auch irgendein Geist den Riesenformaten, ja ganzen Räumen Rosenquists widerstehen. Darüber hinaus wirkt alles, was auf den Gemälden des Amerikaners zu sehen ist, unglaublich haptisch. Zu dem Aluminiumglanz der Friseurhaube auf dem Gemälde F-111 kann man sich genau vorstellen, wie sie an den Fingerknöcheln klingen würde; gigantische Lippenstifte scheinen auf der Leinwand zu zerfließen, sodass man meint, die gelige rote Farbe an die Finger bekommen zu müssen, würde man mit den Fingerspitzen über die Bildoberfläche fahren. Der Blick des Betrachters kann sich wirklich an Rosenquists Dingen festklammern, fühlt ihre Beschaffenheit, kann in die kleinen verschatteten Ecken einer Matratze sehen, ihre Nachgiebigkeit fühlen, er kann das Glas spüren, die Härte des Metalls, aber er fühlt auch die Dinge, die er nicht kennt, die er nicht zuordnen kann, wie eine eisern wirkende Kugel im All auf Sternfänger. Die Dinge in Rosenquists Bildern sind so realistisch, dass sie teils keine wiedererkennbare Form zu brauchen scheinen.

JR_F111
F-111, 1964/65
The Museum of Modern Art, New York
Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Foto: Courtesy of the Estate of James Rosenquist

Aber der Betrachter wird nicht nur durch den Realismus in Rosenquists Bildwelten angezogen, sondern vor allem durch die Differenz zwischen der Wiedererkennbarkeit der Dinge und der Rätselhaftigkeit ihrer Verortung und Bedeutung. Warum aber zieht uns diese Differenz an? Weil sie Geschichten erzählt, wie die Ausstellung nahelegt? Bei F-111 gehe dieses Eingesaugt werden in die Kunst beispielsweise so weit, dass der Betrachter selbst Teil des Werks wird, da er sich in den eingebauten Aluminiumflächen spiegelt – was ihn dazu auffordere zu hinterfragen, was er sieht. Rosenquist kombiniere hier sein Hauptmotiv, das Kampfflugzeug F-111 auf verstörende Weise mit Bildern amerikanischen All­t­agskon­sums. Lassen sich die Bilder des Amerikaners also genauso lesen wie ein fein komponiertes Renaissancebild?

„Auf dem über 27 Me­ter lan­gen Haupt­gemälde wer­den Pi­cas­sos Guer­ni­ca wie auch an­dere Ver­satzstücke ei­gen­er und kollek­tiv­er Geschichte und Iden­tität in einem ver­stören­den Zeit­strudel er­fasst, der ras­ante Um­bruch­si­t­u­a­tio­nen nicht nur deutsch­er Iden­tität ver­bildlicht“ Wie bei einer Interpretation einer Flagge von Johns wird auch hier danach gefragt, welche Formen Inhalte vermitteln und welche leer bleiben – eine klassisch hermeneutische Herangehensweise, wodurch sich der kritische Horizont dieser Kunst entfalten kann. Vor allem die Leere ist hier also vielsagend.

So wird seine Kunst also in die Reihe der Erzählungen über Pop Art eingereiht, die vor allem das gesellschaftskritische, das ironische Potenzial dieser Stilrichtung hervorhebt. Ihr Kern sei die Subtilität, die sich genau da zeigt, wo sich Massenkultur und Kunst annähern.

Sicher, ein kritischer Hauch umweht seine Arbeiten, allerdings. Was aber soll man von den Dingen halten, die seine Bilder in großer Mehrzahl bevölkern? Lassen sie sich wirklich alle in die Geschichte eingliedern? Der Speck, die glänzenden Sterne, die Liegestühle?

JR_StarThief_III
James Rosenquist
Star Thief (Sternenräuber), 1980
Museum Ludwig, Köln
Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln

Diese Sichtweise ignoriert auch zu großen Teilen die Tatsache, dass die Bilder Rosenquists sehr cool wirken. Sie zelebrieren die Oberfläche, sind ganz im Gegensatz zu politisch involvierter Kunst sonst, teilnahmslos und gewissermaßen starr.

Warum hält Rosenquists Malerei den Betrachter so auf Abstand, wenn der Blick ins Bild eintauchen soll, wie in ein holländisches Genrebild? Ganz sicher ist, dass er keine illusionistische Perspektive wollte- und zwar, weil er es bewunderte, wenn Tiefe ohne Effekte geschaffen wird- auch das eher eine Perspektive, die auf einen strikten Materialismus schließen lässt.

Fragen wie diese, führen irgendwann zu Zweifeln, ob eine Rezeption die für niederländische oder italienische Renaissancekunst gilt, ein passendes Paradigma für Bilder ist, die im pulsierenden Warhol-New York entstanden? Und worin unterscheidet die Pop Art sich dann eigentlich noch vom Bösewicht, dem abstrakten Expressionismus?

Lässt man den Eingangsbereich der Ausstellung und das direkt vor der Treppe hängende Riesenformat hinter sich, kommt man in die ersten Räume in denen eher kleinere Gemälde hängen. Hier, wenn die Überwältigung nicht so stark ist, wird eine ganz andere Besonderheit seiner Arbeitsweise, neben den großen Formaten deutlich: Sein Illusionismus, der den Bildraum auf einen vitrinengroßen Raum hinter der Bildoberfläche verkürzt, zeigt sich hier als Instrument des Sammlers. Bilder wie Terrarium oder Hey lets go for a ride wirken wie Pinnwände an die Ausschnitte der Welt vom Maler befestigt wurden. Vielleicht könnte man auch behaupten, dass sich die Verbindung von Massenkultur und Kunst bei Rosenquist anders darstellt als bei anderen Künstlern des Pop. Sie überlappen sich einfach zu stark, als dass sich der Wert seiner Kunst tatsächlich zwischen ihnen entfalten könnte.

JR_Terrarium
James Rosenquist
Terrarium, 1977
Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Foto: Courtesy of the Estate of James Rosenquist

Bedenkt man den Zeitkontext, in dem die Kunst von Rosenquist entstand, verstärkt sich der Eindruck, seine Bilder seien vielmehr eine Art zeitgenössische Wunderkammern. Es war die Zeit, in der die Amerikaner im Konsum badeten und alles Negative ausblendeten. Betrachtet man die die Ausstellung begleitenden Werbeanzeigen, die der Künstler sammelte, zeigt sich, dass Rosenquist mit seinem Naturalismus nicht nur akribisch die Objektfixiertheit des Zeitalters in seine Gemälde aufgenommen hat, sondern sogar die Interpretation des Raums aus dem kapitalistischen Blick der Werbeindustrie. Wenn man sieht, wie er in Vorstudien Anzeigenbildchen aneinanderklebte und diese Collagen dann mithilfe von Rastern minutiös auf die Leinwand übertrug, dann ist die Aura die dieser Geist in seiner Kunst hinterlassen hat, viel spannender als seine anziehenden riesenhaften Bildobjekte selbst – und vor allem viel spannender als ihn als Geschichtenerzähler zu betrachten. Diese Faszination an der Kultur seiner Zeit weist ihn doch als lebendigen Beobachter aus, der die Dinge geradezu fetischisiert. Ein Verfahren, das durchaus zu der Narration von Männlichkeit seiner Zeit passt. Und dass Rosenquist ein Paradebeispiel weißer Männlichkeit war, zeigt er in seinen Interviews und Atelierdokus deutlich. Es liegt also nahe anzunehmen, dass er sich genau in diesen Paradigmen mit seiner Lebenswelt auseinandersetzte.

JR_Ford_II
Anzeigenausschnitte aus dem Life-Magazin und James Rosenquist
I Love You with My Ford, 1961
Moderna Museet, Stockholm
Art: © Estate of James Rosenquist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Zentral dabei ist, dass er die Dinge nicht auf die Bilder klebte, sondern sie mit unglaublicher Mühe abmalte und manche Motive immer wieder auf die Leinwand brachte. Es scheint, als erforsche Rosenquist die Dingwelt, die ihn umgibt. Als wolle er sie bannen, sie besitzen, sich selbst von ihr besitzen lassen, durch die Zelebration ihrer überwältigenden Kraft. Genau diese Spur, die sich zwischen der tatsächlichen Werbung, zwischen dem Habitus des Künstlers und seinen riesigen Formaten zeigt, ist das wirklich interessante seiner Kunst. Seine Bilder sind Zeugnisse eines Individuums, das die Anfänge unserer eigenen Lebenswelt miterlebte und gestaltete. In ihnen zeigt sich der Zwiespalt mit dem wir heute noch, und in unserer kriselnden Gegenwart besonders, kämpfen, und zwar der zwischen Identifikation und Entfremdung, vollkommener Akzeptanz und Zweifel, Sicherheit und Hilflosigkeit.

Objektivieren wir uns nicht selbst, wenn wir dabei stehen bleiben, Rosenquists Bilder zu subjektivieren und ihre Entstehungsbedingungen nur als Schlüssel zu nutzen, um uns in ihnen zu verlieren? Die Raketen und die Kriegsgeräte als Denkmale ohne direkten Bezug zu uns zu erzählen? Ähnlich einem glänzenden Krug auf einem Jan Steen-Bild? Dabei laufen auch wir heute wieder durch die Straßen, kaufen fleißig den neuesten Lipgloss von DM und sind sprachlos angesichts von Fabrikbränden in Bangladesch.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: