Saturnrot

Minium, ein rötlich gefärbtes Mineral, ist das beherrschende Thema der aktuellen Ausstellung von Pieter Laurens Mol bei Parrotta Contemporary in Köln. Jedes hier gezeigte Bild und Objekt wurde mit der rötlichen Farbe bearbeitet, die auch als Saturnrot bekannt ist.

Das Rot des Miniums entsteht durch natürliche chemische Prozesse. Es ist veränderlich und höchst giftig. Diese Eigenschaften machen die Farbe zu einem selbstständigen Objekt. Mol arbeitet in der Ausstellung mit dieser Materialität der Farbe. Bei ihm ist sie nicht nur Ausdrucksmittel, sondern ihr kommen weitere unbestimmte Eigenschaften, ein gewisses Eigenleben zu. Denn einerseits tritt sie als Übermalung von Fotografien und Objekten auf, andererseits speist sie diese mit ihren eigenen Bedeutungsebenen. So verweist Saturnrot auf jenen Planeten, der in naturphilosophischer Sicht für das melancholische Gemüt verantwortlich ist, damit aber auch eine besondere Schöpfungskraft, Genialität, bewirkt.

Betrachtet man die Arbeiten Mols, scheint das Bleirot gleichzeitig Register und Registriertes zu sein, indem es einerseits als Übermalung auftritt, andererseits eine Beziehung zum Kosmos thematisiert, bzw. auf eine über sich hinausweisende andere Kraft verweist; wie in Untitled ( The Sudden Saturnine Plague of Tuesday, August 9, 1927), auf dem sich das Rot des Saturn, vielleicht die Melancholie selbst, ausbreitet.

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Untitled ( The Sudden Saturnine Plague of Tuesday, August 9, 1927)

 

Neben dem Braunrot als Farbe und Material spielt in der Ausstellung der Akt der Übermalung eine große Rolle. Seit den Avantgarden wie dem Dadaismus übermalen Künstler_Innen Fotografien oder Werke anderer Künstler_Innen. Am bekanntesten ist diese Technik heute vielleicht durch Gerhard Richters hyperrealistische Fotoübermalungen. Die Übermalung kann oft als ikonoklastischer Akt der Auflehnung verstanden werden. Denn mit jedem Übermalen geht auch ein Zerstören einher – wie in den Mouches Volantes in denen Mol auf Fotos festgehaltene Menschengruppen vollständig deckend mit Minium übermalt doch bei dem belgischen Künstler hat das Übermalen vielmehr etwas von Erkunden. Die farblichen Eingriffe von Mol folgen einem offeneren Impuls.

Denn er löscht diese Menschengruppen durch ihre neuen opaken Miniumformen genauso aus wie er sie hervorhebt. Mit der roten Form legt der Künstler eine zweite Ebene auf die realistische Ebene des Fotos. Die scheinbar offensichtliche Eindeutigkeit der fotografischen Realitätsabbildung beginnt zu wanken. Gibt es etwas was der Künstler über die dargestellten Menschen weiß, was die Fotografie nicht abbilden kann? Verbindet sie etwas?

Dass Mol mit der Materialität der Farbe und ihren verschiedenen Beziehungen zum jeweiligen Medium spielt, wird besonders auch an Index deutlich. Diese Arbeit besteht aus einer schwarz-weißen Fotografie von einem Mann, vielleicht dem Künstler selbst, der rückwärts in einen Teich fällt. Auf den Druck ist mit Minium eine Art Raster gemalt, das die Darstellung oder auch das Foto selbst zu vermessen scheint. Durch die geraden geometrischen Linien wirkt dieses Raster wie ein Gerüst. Gleichzeitig werden Ober- und Unterkörper des Mannes sowie Bildfläche und Perspektive durch die bräunlich-roten Linien in ein mathematisches wirkendes Diagramm einbezogen. Worauf sich die Linien jedoch genau beziehen, bleibt nicht nachvollziehbar. Die Rasterform erinnert an ein kosmologisch-gedankliches Systems à la Mondrian. Auch hier führt der Künstler mit dem Saturnrot eine Ebene in die Fotografie ein, die sich der dokumentierten Realität entwindet, auf imaginäre Weise über sie hinauswächst.

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Index (Bold Version), 1981/2017

 

Dass die Auseinandersetzung mit dem Medium ein zentrales Thema von Mols Arbeit ist, zeigt sich auch an Arbeiten, die nicht mit Minium spielen. Wenn der Künstler ein Foto ausstellt, auf dem ein Globus in einen Schraubstock gespannt wurde, erweitert sich das Foto als dokumentarisches Medium sowohl auf der Bedeutungs- als auch auf der Wahrnehmungsebene. Denn die Werkstattumgebung ist in einem dokumentarischen Stil fotografiert, der die Weltkugel symbolisch auflädt. Dem Dokumentarischen wird etwas Seltsames eingegeben.

Einen ähnlichen Effekt hat das Übermalen einer ebenfalls sehr realistischen Fotografie, die einen aus Betonplatten bestehenden Boden zeigt. Der hintere Teil des Wegs wurde mit Minium übermalt. Die Realität scheint dem Künstler hier als Konzeptvorlage zu dienen. Perspektive und physische Gestalt haben nicht das letzte Wort, auch wenn die Fotografie es suggeriert. Stattdessen schiebt sich auch hier das Saturnrot über die Fotografie und bestimmt in dieser Arbeit die Wahrnehmung. Ist dieser Teil des Bodens in irgendeiner Form infiziert? Hat der Saturn etwas mit diesem Ort zu tun? Kann der Künstler hier etwas sehen, dass für die_den Betrachter_in unsichtbar ist?

2004 Pieter Laurens Mol Breukelen Atelier Lamentum - 1947
Breukelen Atelier Lamentum, 2004

Die rotbraune Farbe legt sich in dieser Ausstellung über alles, passt sich jedem Objekt an und eröffnet jedes Mal neue Horizonte der Auseinandersetzung. Am Ende formt sie sich selbstständig zur Spur des Künstlers – zur Spur eines Denkens, das Grenzen und Paradigmen überschreiten kann. Im Grunde schlägt Mol hier die Realität mit ihren eigenen Waffen. Wie dieses Spiel aussehen kann, wie scheinbar indexikalisches Vermessen und Nachzeichnen neue Bedeutungsräume schaffen kann, diese Fragen machen den besonderen Reiz der Ausstellung aus.

 

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