Auf Papier, durch Papier und über das Papier hinaus

Die Zeichnung ist schon lange nicht mehr an das Papier oder gar an die Linie gebunden. Dennoch finden sich die interessantesten Arbeiten dieses Genres immer noch auf der Fläche, wie die aktuelle Ausstellung in der Galerie Werner Klein zeigt.

Von schlängelnden Linien auf geknicktem Papier über mikroskopische Blattstudien bis hin zu akribisch aus dem Papier herausgeschnittenen Leerstellen – Hier werden ausschließlich Papierarbeiten präsentiert, die zwischen Reduktion und enormer Verweiskraft oszillieren und so zum ausgiebigen Betrachten, vielmehr noch zum konzentrierten Lesen einladen.

Titel

Nachdem sich die Grafik durch die Jahrhunderte hinweg immer wieder selbst reflektiert und von starren Zuschreibungen emanzipiert hat, ist sie heute umso differenzierter dazu in der Lage, ihre Themen zugleich formal offen und ästhetisch sowie intellektuell eindringlich zu verhandeln. So wird die_der Besucher_in bei ihrem_seinem ersten Blick in die Runde der Ausstellung sofort mit einer ganzen Bandbreite unterschiedlicher Formen, Formate und Inhalte konfrontiert. Direkt hinter dem Eingangsbereich hängen Blätter von Hanns Schimansky, deren Formen an Pulskurven oder Notizen zu nicht genannten Phänomenen erinnern.

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Schimanskys symbolisch wirkende Muster werden durch die naturalistischen Naturstudien Christian Weihrauchs pariert, die durch ihren Detailreichtum anziehen. Mit ihrer wahllos wirkenden Perspektive und bei genauerer Betrachtung einer ebenso starken Fokussierung auf die Linie wie die Arbeiten von Sebastian Rug am anderen Ende des Raums bewahren jedoch auch sie ihre Offenheit.

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Nur einen Schritt von Weihrauchs fein gezeichneten Blättern und Ästen steht der Besucher dann vor Arbeiten von Katharina Hinsberg, die gar keine Stiftspuren mehr aufweisen, den Blick vielmehr durch Leerstellen im Papier stoßen. Die Feinheit der mit der Hand geschnittenen Leerstellen, die sich zu labyrinthischen Formen zusammensetzen, faszinieren dabei genauso stark wie Weihrauchs Grafiken, die geradezu aus der Renaissance gefallen zu sein scheinen.

Bei aller Vielfalt der hier vertretenen Positionen wird nach einer ersten Runde durch die Räume aber auch deutlich, dass jeder der hier ausgestellten Künstler auf andere Weise in der Geschichte der Gattung verwurzelt ist. Es gibt solche Arbeiten zu sehen, die durch abstrahierende oder ungegenständliche Bildinhalte eher substanzielle Fragen zum Thema Grafik in den Vordergrund stellen.

So öffnen Katharina Hinsbergs Blätter in ihrer formalen Reduktion den Blick für eine philosophische Auseinandersetzung mit den Mitteln der Zeichnung. Ihre Linien setzen sich hier aus Leerstellen zusammen.

KHAZZD

Oder anders gesagt, ihre Linie bildet sich aus ihrer eigenen Abwesenheit. Damit stellt die Künstlerin Fragen nach dem Wesen der Linie, nach ihrer Erscheinung als Umriss und der Möglichkeit ihrer Bezugslosigkeit. Durch den Schnitt, der bei Hinsberg von Hand geführt wird und über einen langen Zeitraum gesetzt wird, führt sie gleichzeitig ein objektivierendes Moment ein, das ihre Untersuchung noch stärker von der Idee der Kreativität trennt und so die Möglichkeiten des Nachdenkens über Zeichnung intensiviert und vervielfältigt. Dass die Linie in der Zeichnung eben nicht an das Papier gebunden ist, sondern eine ungegenständliche Form sein kann, legt ihre Öffnung in den Raum nah. Bei Sebastian Rug setzen sich winzige Linien systematisch und sukzessive zusammen, bis sie gewebeartige Formen auf dem Papier bilden.

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Auch seine Arbeiten weisen ein objektivierendes Element auf in dem Sinn, dass sie das Zeichnen ähnlich wie Hinsberg stark an die Faktoren Zeit und Bewegung binden. Rugs Arbeitsweise erinnert so an ein Schreiben und die hier gezeigten Werke an Gewebe, Text(uren). Interessanterweise entstehen durch die objektivierende unillusionistische Arbeitsweise Formen, die beginnen, zwischen Ein- und Zweidimensionalität zu schwanken. Thomas Müllers Kugelschreiberlinien, die einzeln mit der Schablone gesetzt werden, verwandeln sich dagegen ohne Intention und Zutun in Flächen und Formen.

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Andere Arbeiten der Ausstellung wie die von Pia Linz oder Danica Phelps rekurrieren auf den ersten Blick stärker auf die erlebte Wirklichkeit. Linz erstellt subjektive Karten von einem festgelegten Standpunkt aus, mittels ihrer eigenen Fußschrittskala und detaillierter Perspektiven, die sie zum Schluss auf einem Blatt zusammenbringt. So entstehen Dokumente einer neugierigen und selbstbestimmten Auseinandersetzung mit der Welt.

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Pia Linz, Buschallee Ecke Gartenstraße, 2018, Bleistift auf Papier, 120×93 cm

 

Auch Danica Phelps dokumentiert ihre Erfahrungswelt. Sie verzeichnet mit grünen und roten Farbstrichen ihre Ausgaben und Einnahmen und fertigt dazu Zeichnungen ihrer alltäglichen Aktivitäten an. Ihre Arbeiten verweisen im Vergleich wieder auf das Thema Papier bzw. Medium. Denn ihre Leinwände werden durch ihre Arbeitsweise zu Objekten im Zentrum der Ströme des Lebens, eines Geflechts aus Gesten und Handlungen, die sich von jedem Genre gelöst haben und Momente des Lebens und der Wirklichkeit gleichsam auffangen.

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Letztlich aber wird man den einen Gedanken nicht los, der alle hier gezeigten Künstler verbindet. Und zwar das Bild von der_vom Künstler_in wie sie_er an ihrem_seinem Tisch sitzt und womöglich mithilfe einer Lupe kleine Schnipsel aus weißen Blättern schneidet, mit unendlicher Geduld einen Strich nach dem anderen zieht oder sein Geld zählend rote und grüne Farbstriche setzt. Vor dem inneren Auge entsteht auf diese Weise ein Orchester unablässigen Tuns, des Schreibens und Kartierens.

Das Bedürfnis nach Auseinandersetzung und das Erforschen von Sichtweisen und Weltzugängen scheint allen hier gemein. Dieser Drang kann offenbar nur durch Wiederholung und Skizzieren gestillt werden. Versuche aufzuklären oder gar interpretierende Narrationen zu schaffen, stehen bei keinem hier im Fokus.

Vielmehr eröffnen gerade die Kurzschlüsse zwischen den einzelnen Arbeiten eine Auseinandersetzung mit Themen, die sich nur schlecht mit Sprache erkunden lassen. Wie wirken beispielsweise die feinen Kommentare auf Linz Karte, ihre hauchdünnen Linien neben den filigranen Leerstellen von Hinsberg. Strahlen diese nicht eine ähnliche Intimität aus? Und wirkt nicht Hinsbergs Blatt auch wie eine Karte? Allerdings scheint sich das Papier bei ihr durch seine Perforierung weder auf seine Rolle als Bezeichnetes noch als Bezeichnendes festzulegen. In ihrer Machart ähneln sich die Arbeiten von Rug und Weihrauch stark, der eine fügt seine Linien jedoch zu Abbildern zusammen, der andere überlässt sie sich selbst. Wie wird die subjektiv-halluzinogene Herangehensweise an die Welt einer Pia Linz von den reduzierten Vermerken einer Danica Phelps gespiegelt? Auf diese Weise lassen sich unendlich viele Fragen, Verbindungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede finden.

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So ist es genau diese Kurzlebigkeit und Vorläufigkeit der Themen und Gesten der Exponate, die letztlich das Interessante an ihrer Zusammenschau sind. Statt Festlegung, Abschluss und vorgefertigter (Ab)bilder ist hier ausgehend vom unentwegten Tun alles im Fluss. Letztlich wird die Ausstellung so selbst zu einer Karte der Gegenwartszeichnung und ihrer wichtigsten Strategien. Und es wird deutlich, dass sie, so wie sie hier zu sehen ist, in unserer Zeit des Hyperrealismus digitaler Bilder mit ihrer scheinbar vollkommen objektivierten Eroberung des Raums zu einem äußerst beweglichen und herausfordernden Kommentator dieses Diskurses werden kann. Vor allem, indem sie die_den Betrachter_in durch ihre mediale Reduktion aus seiner Konsumentenrolle herauslockt und ihn in ihr Geflecht aus Erkundungen verwickelt.

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