Das emanzipierende Huhn in der Disko

Wer auf Instagram unterwegs ist, kennt sie zur Genüge, Urlaubs- oder Werbebilder auf denen Touristen bauchfrei durch islamisch geprägte Länder hüpfen und sich dabei gekonnt unprätentiös oder gar spirituell geben. Auf diese Weise wirkt das jeweilige Reiseland im unangenehmsten Fall kolonisiert, da die Realität vollkommen vom Zweck des Bildes aufgesaugt wird. Bild und Hashtag gehen hier nicht selten absurd getrennte Wege. Manchmal sind diese Bilder schön, weil sie alles was sie zeigen in hochglanzpolierte Produkte verwandeln, die den konzentrationsschwachen Konsumenten in uns am Kragen packen und manchmal sind sie ärgerlich, weil der Hedonismus aus jedem Pixel schreit.

Beim Betrachten von Marie Köhlers Filmcollagen, die im Matjö – Raum für Kunst zu sehen waren, kann man dagegen schon mal ins Grinsen kommen. Sie zeigen meist Touristen, die sich auf bizarr wirkende Weise bemühen, einen Zugang zur anderen Kultur zu finden. In riesigem Smartphone Format laufen auf drei Bildschirmen parallel Sequenzen, die sich in irgendeiner Form um den wie auch immer gearteten Austausch von Kulturen drehen bzw. um das, was man sich darunter vorstellt. So kann man in vielfachen Wiederholungen ältere weiße Damen beobachten, die unter enormem körperlichem Kraftaufwand eine Wasserpumpe bedienen. Gerahmt werden diese Bilder von den Zeilen „Africa- feel the real life“, die die Bilder ironisch untermalen. In einer anderen Sequenz sieht man Florian Silbereisen dabei zu, wie er begeistert bei einem afrikanisch gestylten Akrobatikensemble mitmachen will, das offenbar in seiner Schlagershow auftritt. Auch Persönlichkeiten wie Bono oder Angelina Jolie fehlen nicht, wobei die Letztere bei einem Besuch eines afrikanischen Dorfs mit manischen durch Wiederholung verzerrten Bewegungen ein Kind streichelt, während Zitate eingeblendet werden, die ganz Afrika als ihren personalisierten Themenpark erscheinen lassen.

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Installationsansicht Matjö Raum für Kunst, Foto: Therese Schuleit

Die titelgebende Sequenz mit einem Hühnerküken spitzt den Moment der Komik zu, der in den anderen Filmausschnitten durch Ironie und Verfremdungstechniken angelegt ist. Hier betritt das Küken den Bildschirm aus einer Ecke heraus und pickt unbedarft und neugierig vor der Kamera herum. Seine arglosen Erkundungsbewegungen im Bildausschnitt werden von Zitaten Bill Gates begleitet, von denen eines den Titel für die Ausstellung liefert. Die Stiftung von Gates wollte armen Familien in Afrika helfen, indem Hühner gespendet werden und eine Hühnerzucht aufgebaut wird. Das Verhalten des Kükens und das Pathos der rahmenden Zitate driften jedoch so weit auseinander das man sich das Lachen nicht mehr verkneifen kann. So wird diesem ahnungslosen Tierchen von Bill Gates zugesprochen, dass es Frauen emanzipiert („They [Hühner] empower women“). Wenn das Küken harmlos und flauschig vor der vierten Wand herumpickt, tut es einem leid, dass es dazu auch noch eine ergiebige Proteinquelle ist („a good source of protein“). Bild und Text befeuern sich hier gegenseitig. Das Küken erscheint durch die pathetisch wirkenden Zitate immer unschuldiger und Bill Gates Zitate werden ihres Kontextes enthoben immer weltfremder. Besonders absurd wird es, sobald das Diskolicht auf dem Bildschirm einsetzt und sexy tanzende Frauen sich den Bildschirm mit dem emanzipierenden Huhn teilen.

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Installationsansicht Matjö Raum für Kunst, Foto: Therese Schuleit

Unterschiedliche Erscheinungen derselben Realität prallen in Köhlers Filmen so aufeinander und voneinander ab. Text und Bild bezeichnen zwar tatsächlich den gleichen Diskurs. Allerdings werden jeweils Pole des Diskursspektrums in sehr reduzierter Form in einem Bild gezeigt. Da wo sie sich treffen, eröffnen sich Leerstellen, die zur Diskussion anregen. Insofern funktionieren Köhlers Filme wie Memes, die in sozialen Netzwerken kursieren. Auch dieses Internetphänomen spielt unaufhörlich mit der Leerstelle und entfaltet meist durch Witz sein kritisches Potenzial, wie das emanzipierende Huhn.

In einer weiteren Arbeit an der benachbarten Wand sieht man ein UN-Flugzeug, das beim Beladen, beim Start, der Landung und beim Rangieren gezeigt wird. Während der Film ausschließlich das Flugzeug und Bodenpersonal zeigt, läuft der Song „Take me to the Clouds above“ von LMC vs U2. Auch hier überschneiden sich das Dancelied und sein romantisches Thema mit dem Flugzeug und Bodenpersonal in vielfältiger Weise. Bekannte Erzählungen von Hilfstransporten, die der Zuschauer im Kopf haben könnte, werden vollkommen außer Acht gelassen. Die Kinderzeichnung über dem Bildschirm verstärkt dieses Spiel mit dem Bildwissen, das hier ausgehebelt wird.

Gegenüber den drei Bildschirmen nehmen Fotos eine weitere wichtige Position der Ausstellung ein. Dabei handelt es sich um Bilder, die in kleinen Standrahmen unterschiedlichen Formats auf Wandboards oder hängend gezeigt werden. Die Bilder wirken durch ihre Präsentationsart wie persönliche Urlaubsfotos. Allerdings handelt es sich um Fotocollagen, auf denen sich die Künstlerin in unterschiedlichen Kostümierungen in Gruppen von Afrikaner_innen kopiert hat. Die Collagen zeigen eine gewisse Bemühung echt zu wirken, da relativ genau auf Größenverhältnisse und Perspektiven geachtet wurde. Auch sind es Schnappschüsse, die nicht die üblichen Afrikaklischees darstellen. Trotzdem akzentuieren sie den Bruch zwischen den beiden Realitäten, die da auf einem Foto zusammengebracht werden. Die Leerstelle, die sich aus der seltsamen Verbindung von Nähe und Distanz auf diesen Fotos ergibt, verweist vor allem auf Fragen des Selbstbilds. Wozu diese lächerlich wirkenden Collagen? Warum gibt es keine echten Gruppenportraits?

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Installationsansicht Matjö Raum für Kunst, Foto: Therese Schuleit

Die hier angedeutete Schwierigkeit Selbstbild und authentischen Kontakt mit anderen zu verbinden und die Fragen, die sich um dieses Thema herum entspannen, greift vor allem ein Bild etwas oberhalb der Fotogruppe an. Hier zeigt die Künstlerin sich in der Art eines Selfies vor einem afrikanischen Jugendlichen, der unbeteiligt im Hintergrund steht. Während sie in die Kamera lächelt, scheint das Kind im Hintergrund ausschließlich Fotoobjekt zu sein. Drückt sich hier vielleicht auch so etwas wie Selbstkritik aus? Im Film werden diese Schwierigkeiten vor allem von einem blonden Alter Ego der Künstlerin Ewa Schwan thematisiert, die sich mit Selfiestick auf einer Art steinernem vielleicht antiken Thron rekelt, ihn zur Selbstinszenierung nutzt, während Textzeilen wie „Be Yourself“ oder „You can do everything“ eingeblendet werden.

So spielt Köhler mit ihren zeitgenössischen Collagen auf vielfältige Weise unser Wissen und Sehen gegeneinander aus. In die Leerstellen zwischen den bildlichen Repräsentationen springen Ironie, Witz, Kritik aber nicht unbedingt Ablehnung oder Verurteilung. Dadurch dass uns vertraute Repräsentationen von Diskursen zu Rassismus oder Kulturaustausch miteinander mittels zeitgenössischer Techniken kombiniert werden, werden sie verfremdet und können unseren Horizont zu den verhandelten Themen erweitern.

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