Aus dem Archiv

Bewegtes, sich veränderndes, veränderbares Sein, wie es als dialektisch-materielles sich darstellt, hat dieses unabgeschlossene Werdenkönnen, Noch-Nicht-Abgeschlossensein in seinem Grund wie an seinem Horizont. (Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung)

Manchmal komme ich lange nicht dazu, etwas zu schreiben. Und wenn ich darüber nachdenke weiterzumachen, liegt das Thema vor mir wie ein riesiges zu bändigendes Tier. Wenn ich dann vor dem Laptop sitze, wird dieses Tier durch die weiße Word-Oberfläche ins Nichts gesaugt. Das was ich dann letztlich schreibe, zeigt vielleicht nur einen kleinen Teil von diesem Wesen, das, so wie ich mich erinnere, gar nicht mehr existiert.

So wie die Ausstellung von Selma Gültoprak in der Artothek, die im letzten Jahr stattfand. Diese Ausstellung gibt es schon nicht mehr und ich habe lange nichts geschrieben. Aber ich erinnere mich noch an den Moment, als ich das Gefühl hatte, dass ich die Skulpturen tatsächlich sehen konnte, und zwar dank der Zeit, die ich innerhalb der Installation in der Artothek verbrachte.

Denn je länger ich in dem überschaubaren Raum der Artothek verweilte, desto stärker erreichten mich die Lichtskulpturen. Auf den ersten Blick, nachdem ich durch die Tür getreten bin, lösten sie das vertraute Gefühl aus das sich zwischen Wiedererkennen und Entfremdung ansiedelt. Liegt das Interessante der Installation irgendwo da? Die Skulpturen erinnern entfernt an Wappen oder an Stromkurven. Doch wohin führt dieser Eindruck. Ich stieg die Stufen zur Empore hinauf. Hier hing ein Foto, auf dem ein Kind zu sehen ist, das eine Maske trägt. Die Maske erinnert mich irgendwie an die Skulpturen… Aber warum?! Dann überblicke ich den Raum, lehne mich auf das Geländer, trete an das Objekt hier oben heran. Aber alle meine Assoziationen verlaufen ins Nichts.

Irgendwann jedoch kommt der Moment, indem ich die Skulpturen einfach schön finde, ihre Präsenz im Raum schön finde. Jetzt wirken sie wertvoll auf mich. Ich höre auf, über die intellektuelle Schnittstelle zwischen Wiedererkennen und Entfremdung oder zwischen Licht und Raum nachzudenken, sondern betrachte die irgendwie alt wirkenden Glühbirnen, die auf den abgeschmirgelten Metallrahmen wie blühende Kakteen erscheinen. Die Farben jedes Objekts scheinen komponiert und ergeben ein stimmungsvolles Bild. Zwar sehen die Arbeiten einfach und wahrscheinlich deswegen sehr symbolisch aus, aber sie sind eben nur ähnlich wie die Ausstattung einer Kirmes, wie Rahmen, wie Wappen o.ä.. So wie andere Werke der Künstlerin arbeiten sie eben mit dem Figürlichen, mit einem harten Realismus – und mit seiner Überschreitung. Diese zielt jedoch weniger auf philosophische Fragen oder kunsttheoretische Fragen, sondern auf das Naheliegende. So erinnern die Objekte zwar auch an die Licht- und Raumkunst von Zero. Doch sind sie weniger theatralisch als beispielsweise ein Objekt von Otto Piene oder Heinz Mack. Ihr Licht breitet sich bunt im Raum aus, aber es verwandelt den Raum nicht, löst sich nicht von den Objekten.

Zum Eindruck der Einfachheit trägt bei, dass die Objekte aussehen, als sei ihr Innenleben freigelegt worden. An ihrer Vorderseite sind Glühbirnen befestigt- und auf der Rückseite sieht man, dass sie ausschließlich die Rahmen für diese Glühbirnen sind. Wieder verläuft der Wahrnehmungs-und Denkprozess einfach im Sand, muss sich neu orientieren. Es gibt hier nichts zu erschließen. Die Birnen mit ihren Farben sind künstlerisch komponiert, dennoch sind alle Teile der Objekte sichtbar und ausgestellt, ungeschönt. So schräg, wie das Objekt auf der Empore steht, soll es stehen. Hier wurde nichts zusammengeschustert, nichts wiederverwertet, sondern sorgfältig ausgestellt.

Die Objekte sind, was sie sind. Einfach und dennoch anziehend, bunt und dennoch biedern sie sich nicht dem voyeuristischen Blick an. Je länger man sich zwischen ihnen bewegt, desto mehr kann man sie wertschätzen. Neben ihrer etwas vorläufigen und gleichzeitig verbrauchten Erscheinung kommt diesem Dialog zwischen Installation und Betrachter auch ihr menschlicher Maßstab zugute.

Die Form der Objekte von Selma Gültoprak, mag sie auch noch so klar sein, ist nicht Abbild, sondern Teil ihrer Vorläufigkeit. Und dennoch ist sie eine sorgfältig erdachte und erschaffene Form.

Sie sind nicht Abbild einer Idee und dadurch zugleich nur Idee. Alles und Nichts.

 

 

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